Nachricht · 15. September 2020
Francesc Hernández: „Die Wiederverwendung von Wasser ist reiner gesunder Menschenverstand“
Francesc Hernández (UV) analysiert die Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Übertragbarkeit von GUARDIAN und die Rolle der Wasserwiederverwendung.

Interview von iambiente mit Francesc Hernández, Lehrstuhlinhaber und Leiter der Forschungsgruppe Wasserökonomie (Grupo Economía del Agua) der UV.
Die Widerstandsfähigkeit gegen Feuer in einem Gebiet des Parc Natural del Túria wie dem Wald von La Vallesa erhöhen – das ist das Ziel des ehrgeizigen Projekts Guardian. Die Initiative setzt auf die Nutzung von aufbereitetem Wasser. Sie wird von der Europäischen Union gefördert und von den Stadtverwaltungen Riba-roja de Túria und Paterna, Hidraqua, Medi XXI, Cetaqua, der Universitat Politècnica de València und der Universitat de València (UV) getragen. Letztere übernimmt eine besondere Aufgabe, die bei jedem Vorhaben dieser Art äußerst wichtig ist: die umweltökonomische.
An der Spitze dieser Aufgabe steht Francesc Hernández, Lehrstuhlinhaber und Leiter der Forschungsgruppe Wasserökonomie der UV. „Unsere Verantwortung im Projekt Guardian ruht vor allem auf drei Säulen: Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit und Übertragbarkeit. Wir müssen seinen Mehrwert herausstellen.“
Monetäre Bewertung
— Wie wichtig ist die wirtschaftliche Tragfähigkeit bei einem Projekt wie Guardian?
— Jede Maßnahme und natürlich alles, was im Rahmen von Guardian geplant ist, muss wirtschaftlich tragfähig sein. Was bedeutet das? Den Vergleich von Kosten und Nutzen. Wir untersuchen sowohl die Kosten der geplanten Investitionen als auch die Kosten für Betrieb und Instandhaltung über die Zeit. Bei der Analyse des Nutzens wenden wir neuartige Methoden an: die Ermittlung und Quantifizierung des erzeugten sozialen und ökologischen Nutzens. Vor allem, weil es sich in diesen Fällen nicht um Nutzen handelt, der direkt am Markt erzielt wird oder in Euro bewertet ist. Man muss ihn ermitteln und mit strengen Methoden monetär bewerten. Nur so können wir von einer echten Wirtschaftlichkeit der geplanten Maßnahmen sprechen.
Dank des Projekts Guardian gelingt es uns, das Naturgebiet La Vallesa wiederherzustellen, und das hat hervorragende ökologische wie soziale Effekte. Aber entweder werden sie quantifiziert, oder sie werden – wie so oft – nicht berücksichtigt. Wir wenden Methoden an, um diesen Nutzen aus der Wiederverwendung von Wasser und seiner Nutzung für Umweltzwecke zu quantifizieren. Einen Teil dieses Wasserdurchflusses nutzen wir, um das Brandrisiko zu verringern, indem wir die Prävention in einem sensiblen Gebiet verstärken, in dem ein Brand gravierende Folgen für Wald und Siedlungen hätte.
Kreislaufwirtschaft
— Das Projekt Guardian ist ein klares Beispiel für Kreislaufwirtschaft.
— Ja, und wir wissen, dass Maßnahmen im Bereich der Kreislaufwirtschaft in der Regel auf soziale und administrative Hürden stoßen. Oft werden sie nicht als vorrangig angesehen – weil sie im Moment nicht möglich sind, weil kein Budget vorgesehen ist oder weil sie auf später verschoben werden. All das ist bei Maßnahmen, deren Nutzen überwiegend ökologischer Natur ist, sehr häufig.
Deshalb haben wir hier ein neuartiges Konzept entwickelt, das als „Kosten des Nichthandelns“ bekannt ist. Das heißt: Wird ein Kreislaufwirtschaftsprojekt – trotz seiner Wirtschaftlichkeit – letztlich nicht umgesetzt, wird dokumentiert, dass es sich nicht um eine neutrale Entscheidung handelt. Sie wird nämlich sehr negative Folgen für die Gesellschaft haben. Zudem werden diese Kosten ordnungsgemäß quantifiziert. Letztlich ist das ein Sensibilisierungsinstrument zur Förderung solcher Kreislaufwirtschaftsprojekte.
— Was genau bedeutet es, dass ein Projekt wie dieses nachhaltig ist?
— Der Begriff ist sehr weit und allgemein. Wir meinen damit, dass dieses Projekt dauerhaft Bestand haben wird. Mit Guardian werden zahlreiche Maßnahmen und Investitionen umgesetzt, die über die Laufzeit des Projekts hinaus Bestand haben müssen. Es handelt sich um Maßnahmen für Gegenwart und Zukunft. Sie müssen den kommenden Generationen dienen. Doch mit welchen Mechanismen stellen wir sicher, dass das nachhaltig ist? Wie bei jeder Maßnahme der Kreislaufwirtschaft gilt: Wenn alle davon profitieren, müssen auch alle gemeinsam die Kosten tragen. Daher müssen Mechanismen geschaffen werden, die den Erhalt über die Zeit sichern. Darum kümmern wir uns an der UV, und das ist ein wichtiges Thema, das bei europäischen Projekten sehr geschätzt wird.
Die Umsetzung von Guardian
— Sehr wichtig ist auch, dass sich das Projekt an anderen Orten der Welt anwenden lässt.
— Es gibt viele Gebiete in mehr oder weniger ähnlicher Lage, und diese Erfahrung sollte dort eine viel einfachere Umsetzung ermöglichen. Deshalb erarbeiten wir auch eine Art Leitfaden oder Aktionsplan, der den Wert der Maßnahmen des Projekts Guardian in anderen Regionen mit ähnlichen Problemen exponentiell vervielfacht.
— Wäre eine solche Übertragbarkeit auch in anderen Bereichen möglich? Auch im städtischen?
— Ja. Wobei ich persönlich keine Grenze zwischen städtischem und nicht städtischem Bereich ziehen würde. Guardian ist ein Beispiel für ein Kreislaufwirtschaftsprojekt, bei dem kommunales Abwasser aufbereitet wird – konkret in der Kläranlage Camp de Túria II – und damit nicht mehr als Abfall, sondern als neue Ressource gilt. Aber wie gelingt uns das? Je nachdem, wofür es genutzt wird. Im Projekt Guardian wird diese neue Ressource genutzt, um ein Naturgebiet wiederherzustellen und das Brandrisiko zu verringern. Die Folgen sind daher sowohl ökologischer als auch sozialer Natur, weil die Siedlungen so nah am Wald liegen. Das ist ein sehr klarer Nutzen. Wir stellen ein Gebiet wegen seines großen Naturwerts wieder her – und zudem zur Nutzung und Freude der ganzen Gesellschaft.
Die Rolle der Wiederverwendung
— Welche Rolle sollte die Wiederverwendung in der Wasserwirtschaft spielen?
— Die Wiederverwendung ist das Schlüsselelement, mit dem wir den Wasserkreislauf schließen können. Wir entnehmen der Natur Wasser guter Qualität, nutzen es im städtischen Bereich und machen daraus Abwasser. Dieses Wasser wird zwar geklärt, erreicht aber nicht die ursprüngliche Qualität. Es erfüllt die gesetzlichen Anforderungen, gewinnt aber seine ursprünglichen Eigenschaften nicht zurück. Es ist also ein Ablauf, der ohne direkte Nutzung in die Umwelt eingeleitet wird.
Wiederverwendung bedeutet dagegen, dass das Wasser nach seiner Nutzung so weit aufbereitet wird, dass es erneut verwendet werden kann. Die Aufbereitung beschränkt sich nicht auf die Entfernung oder Verringerung einiger Schadstoffe, sondern ermöglicht es uns, das Wasser in seinen natürlichen Kreislauf zurückzuführen, damit es dort genutzt wird, wo es am dringendsten gebraucht wird. Die Wiederverwendung ist reiner gesunder Menschenverstand. Sie ist das Vernünftige, aber man muss sie in die Praxis umsetzen. Wir dürfen nicht beim Konzept stehen bleiben, sondern müssen zu seiner Umsetzung beitragen. Gibt es Hürden, müssen wir in der Lage sein, sie zu beseitigen und das Potenzial der Kreislaufwirtschaft in Wirklichkeit zu verwandeln.
Wiederverwendung und Landwirtschaft
— Eines der deutlichsten Beispiele für Wiederverwendung findet sich in der Landwirtschaft.
— Ja, in der Landwirtschaft hat die Wiederverwendung einen direkten Nutzen. Es ergibt keinen Sinn, für die Bewässerung hochwertiges Wasser zu verwenden, das vor allem aus Grundwasserleitern stammt. Viele Kulturen brauchen kein solches Wasser. Sie bräuchten eher Wasser mit Nährstoffen, das ohne Weiteres aus einem Aufbereitungsprozess in einer Kläranlage stammen könnte. Das wäre für die Landwirtschaft sogar von Vorteil. Außerdem würden wir kein Wasser mehr verbrauchen, das für die Trinkwasserversorgung abgezweigt werden könnte. Solche Maßnahmen wären nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt sehr positiv. So tragen wir dazu bei, eine so wertvolle und knappe Ressource wie Wasser vernünftig und effizient zu nutzen.
Die Wiederverwendung hat aber nicht nur in der Landwirtschaft einen Nutzen. Es gibt viele weitere. Die Wiederherstellung von Naturgebieten ist einer davon. Das Naturgebiet La Vallesa wäre ein Beispiel, aber es gibt viele mehr: landschaftlich wertvolle Gebiete von großer ökologischer Bedeutung, deren Zustand sich durch Wassermangel verschlechtert, sodass künftige Generationen sie womöglich nicht mehr genießen können. Allein durch den Einsatz von aufbereitetem Wasser ließen sich diese Gebiete wiederherstellen. Das Beispiel der Feuchtgebiete ist klar und offensichtlich. Aufbereitetes Wasser hat auch städtische Verwendungen, etwa bei der Straßenreinigung oder der Bewässerung von Grünanlagen.
Internationale Initiativen
— Welche weiteren Erfahrungen haben Sie im Bereich der Wiederverwendung gesammelt?
— In der Forschungsgruppe Wasserökonomie der UV fördern wir die Wiederverwendung mit verschiedenen Initiativen. International vor allem im Auftrag des Umweltprogramms der Vereinten Nationen und auch für die Weltbank. Hervorzuheben ist, dass die Abwasserbehandlung in vielen Ländern der Welt noch immer nicht als vorrangig gilt. Sie wird als nicht notwendig und daher gewissermaßen als Luxus betrachtet. Deshalb baten uns die Vereinten Nationen um Mitarbeit, um die verschiedenen Regierungen davon zu überzeugen, dass sich die Abwasserreinigung lohnt. Es ging also nicht darum, mit dem gesunden Menschenverstand oder den Menschenrechten zu argumentieren, sondern ausschließlich darum, die Rentabilität nachzuweisen. Alle Folgen einer unterlassenen Abwasserbehandlung – sowohl für die Gesundheit der Menschen als auch für die natürliche Umwelt – wurden monetär quantifiziert. Wir haben dies mit den Kosten des Handelns verglichen, also dem Bau einfacher Behandlungsanlagen, sodass die Regierungen selbst prüfen konnten, wie sinnvoll und rentabel die Maßnahmen sind.
Auf europäischer Ebene beteiligen wir uns an mehreren von der Europäischen Kommission finanzierten Projekten, die Initiativen zur Wiederverwendung von aufbereitetem Wasser in verschiedenen Sektoren fördern sollen. Hervorheben möchte ich auch die Maßnahmen, die wir in der Comunitat Valenciana im Rahmen des Lehrstuhls der Generalitat Valenciana und der Universitat de València entwickeln, um das Wirtschaftsmodell durch die Kreislaufwirtschaft zu verändern.
Eine unverzichtbare Ressource
— Letztlich ist sich die Gesellschaft – vor allem jene, bei der Wasser fließt, sobald sie den Hahn aufdreht – der Bedeutung dieser so grundlegenden Ressource überhaupt nicht bewusst.
— Ja, da stimme ich völlig zu. Wenn man den Hahn aufdreht und Wasser kommt, macht man sich um nichts anderes mehr Gedanken. Offensichtlich fehlt es an Bewusstsein, und es wäre sehr wichtig, diesem Mangel durch Bildung abzuhelfen. Man müsste bei den Jüngsten anfangen. Ich bin aber auch dafür, parallel dazu kurzfristigere Maßnahmen zu ergreifen. Die Verwaltungen und die Unternehmen, die sich mit Wasserversorgung und Wasserwirtschaft befassen, sind sich der Bedeutung bestimmter Maßnahmen durchaus bewusst. Wir müssen die Mittel dafür bereitstellen, insbesondere mit Kriterien, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Wasser und die Deckung aller Kosten durch vernünftige Tarife gewährleisten. Eine Leistung, die für alle da ist, müssen wir gemeinsam finanzieren – und dabei, wie es die Wasserrahmenrichtlinie verlangt, ihre Effizienz und Gerechtigkeit sicherstellen.
Eine übertragbare Lösung
GUARDIAN zeigt, dass aufbereitetes Wasser den Wald-Siedlungs-Grenzbereich schützen kann. Sprechen Sie uns an, wenn Sie das Konzept in Ihrer Gemeinde umsetzen möchten.